Der Hauptsach-Auffe Bergbuchtipp

 Was ich unglaublich gerne neben der ganzen Bewegung, dem Sport und dem Drang Draußen in den Bergen zu sein mache, ist Bücher lesen.

 

Genauer gesagt, Bergbücher, Erfahrungsberichte, Biografien von Bergmenschen, Tourenführer, alte Karten... alles was mir unter die Finger kommt. Und da ist es mir ziemlich egal, wo ich lese. Ob auf der Couch, im Bett, im Auto oder im Bus.

Ein Buch oder eine Karte ist eigentlich immer dabei, wo ich in einer freien Sekunde, wenn ich Unterwegs bin, einen Blick werfen kann.

Hier möchte ich meine Lieblingsbücher, Bücher die mich besonders berührt oder beeinflusst haben, vorstellen. Hier werden neue, ältere aber auch Klassiker unter den Bergbüchern vorgestellt. Viele der Bücher gibt es leider nur noch bei Antiquariate, wo ich für mich persönlich das eine oder andere Schnäppchen gemacht habe. 

 

Viel Spaß bei Lesen meiner Bergbuch-Tipps.


Dezember 2022

 

Hermann Buhl - Achttausend drüber und drunter

Wenn dem großen Reinhold Messner bei einer Bergwelten Sendung auf Servus TV über den Nanga Parbat und der einzigartigen Leistung von Hermann Buhl die Tränen kommen, nicht mehr weiter moderieren kann und sich von der Kamera wegdrehen muss, dann kann man auch als Laie, die Leistung des Hermann Buhl am Nanga Parbat schon ein wenig einordnen. Heiß und Kalt wird einem beim Lesen seiner 41-stündigen Leidensgeschichte vom Hochlager 5 auf 6900 Meter bis zum Gipfel und zurück. Ausführlich wurde diese in die Alpin Geschichtsbücher eingegangene Erfolgsgeschichte von der Erstbesteigung des „Schicksalsberg der Deutschen“ in diesem Buch beschrieben.

links die Jubiläumsausgabe.

 

 

Was für ein Bergsteiger, was für eine Leidenschaft und was für eine Liebe zu den Bergen. Hermann Buhl erreichte in seinem nur 33-jährigem Leben einmaliges und nie wieder erreichtes. Durch seine Zähigkeit, seiner unglaublichen Willensstärke und der Fähigkeit in auch noch so schwierigen Verhältnissen, das letzte aus sich herauszuholen war er bewundert, aber auch bei seinen Tourenpartnern gefürchtet. Zeit seines Lebens verfolgte er seine Ziele in den Bergen zielstrebig, ja sogar egoistisch, oft auf Kosten der Familie oder seiner Tourenpartner.

Geboren und aufgewachsen in Innsbruck waren die Berge der Nordkette und des Karwendels sein erstes Betätigungsfeld. Mit einer Wäscheleine als Seilersatz zog er mit Schulfreunden los. Des Öfteren war ihm das Glück, besonders in der Anfangszeit hold. Aber dennoch musste er aber schon früh erkennen, dass der Tod bei jeder Bergtour dabei sein kann. Bremsen konnte Ihn diese Einsicht aber nicht. 1939 tritt er der Jungmannschaft der Innsbrucker Alpenvereins bei. Dort fand er geeignete Mitstreiter, wo er schnell sein Kletter- und Sicherungskönnen steigerte.

 

Die ersten Reisen in die Westalpen finanzierte er sich mit Gelegenheitsjobs wie Skilehrer, Lastenträger und Kirchturmkletterer. Vom heimatlichen Nordtirol wurden immer mehr die Berge der Dolomiten und der Westalpen sein Ziel. Klassiker für Klassiker und schwierigste Kletterfahren bis zum sechsten Grad wurden gemacht. Zu seinen herausragensten Leistungen in den Alpen zählten sicherlich die erste Winterbegehung der Marmolada Südwestwand 1950, die erste Gesamtüberschreitung der Aiguilles von Chamonix 1950 und die erste Solobegehung der Piz Badile Nordostwand 1952, inclusive der abenteuerlichen An- und Abreise mit dem Fahrrad.  Aber auch die erste Winter-Solo-Nachtbegehung im Februar 1953 des Salzburger Wegs an der Watzmann Ostwand zur Vorbereitung für die heiß ersehnte Himalaya Expedition zum Nanga Parbat kann man ohne weiteres dazuzählen. 

Nach dem überwältigenden Erfolg am Nanga Parbat startete Hermann Buhl nochmal eine Expedition in den Himalaya. Diesmal in Eigenregie sollte der Broad Peak das Ziel sein. Im kleinen Team, mit damalig minimalistischer Ausrüstung und im Westalpenstil ohne große Lagerkette und damit seiner Zeit weit voraus, erreichte er mit Kurt Diemberger, Fritz Wintersteller und Marcus Schmuck den höchsten Punkt und seinen zweiten 8000er Gipfel.

 

Wieder im Basislager wollen Kurt und Hermann noch der Chogolisa 7654m einen Besucht abstatten. Durch die gute Akklimatisation kommen die beiden relativ schnell voran und so können sie am 27. Juni 1957 den Gipfelsturm über den Südostgrat starten. Ein plötzlich aufkommender Schneesturm beendet den Gipfeltraum und sie müssen umkehren. Beim Abstieg stürzte Hermann Buhl bei schlechten Sichtverhältnissen mit einer Wechte in den Tod. Eindrucksvoll und fassungslos schildert Kurt Diemberger, sein letzter Tourenpartner, die Geschehnisse an der Chogolisa. 

 

Rechts und oben, eine meiner Raritäten, die Original Erstausgabe von 1954.

 

Was für ein Buch, was für eine Leben. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen. Selten war ich von einem Buch so gefesselt. Eine große Bergsteigerkarriere findet viel zu früh ein fatales Ende. Buhl war seiner Zeit weit voraus und Zeit seines Lebens immer auf Messers Schneide unterwegs. Er schob seine und die Grenzen der Alpenkletterei immer weiter nach oben. Er war das Maß aller Dinge. Obwohl es in seiner Zeit maximal nur den sechsten Klettergrad als „äußerste Schwierigkeit“ gab, kletterte Buhl damals schon diverse Routen, die heute weitaus höher bewertet werden.

 

Trotz seiner herausragenden Kletterkunst verlor Hermann Buhl in vergleichbar einfachem Gelände, auf einem Firngrat, sein Leben. Wie tragisch! Was hätte dieser großartige Alpinist noch alles bewerkstelligen können. Einer meiner alpinen Helden. Eines meiner Lieblingsbücher!

 

Die Originalausgabe von 1954 wurde nach Buhls Tod in diversen Gedächtnisausgaben und Jubiläumsausgaben gekürzt und abgeändert veröffentlicht.

 

2005 wurde wieder eine gekürzte Ausgabe herausgegeben. Diesmal aber mit den wiedergefundenen Originaltagebüchern Hermann Buhls von den Himalaya Expeditionen am Nanga Parbat, dem Broad Peak und der Chogolisa. Leider wurde in der 2005er Ausgabe der Original Buhl Text doch erheblich gekürzt, so dass einige für mich wichtige und anschauliche Teile der Buhl Erzählungen nicht mehr im Buch sind. 

links die Neuausgabe von 2005.

Hermann Buhl - Achttausend drüber und drunter

Nymphenburg Verlag

Erstausgabe 1954

360 Seiten

 

Hermann Buhl - Achttausend drüber und drunter

Büchergilde Gutenberg

Gedächtnisausgabe 1960

365 Seiten

 

Herman Buhl – Achttausend drüber und drunter

Piper Verlag München

2005

 

ISBN13: 978-3-89029-305-5


November 2022

Sebastian Lobinger

Ende im Gelände - Ein Plädoyer für mehr Ursprünglichkeit im Bergsport

Sebastian Lobinger legt den Finger in die Wunde, er will aufrütteln, will darlegen, wie sich der Alpinismus und der Lebensraum Alpen aus seiner Sicht zum schlechteren verändert hat. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, das einige der aktuellen Probleme in den geliebten Alpen so schonungslos und ausführlich darlegt. Gerade nach der Corona Pandemie hat der Zulauf in die Alpen noch mal richtig Fahrt aufgenommen. Überfüllte Hütten, überfüllte Parkplätze und schimpfende Einheimische sind Indikatoren für diesen Zustrom.

Vom klassischem Abenteuer-Bergsteigen und den wirklichen Helden in den Zeiten vor und nach dem zweiten Weltkrieg zum Klettersteig Hinaufzieher und Handy-/GPS-Tracking Athleten. Er legt dar, wie sich die Menschen in den Bergen und deren Zugang verändert haben und wie der Mensch die Natur in den Alpen dadurch nachhaltig mit zerstört.

Im Buch geht es auch über den sinnlosen Ausbau der Berghütten zu Wellnesstempel mit Warmwasserduschen, Zweibettzimmer und Sauna und die weitere Erschließung der Alpen mit Infrastruktur, wie Seilbahnen und Fahrwege. Wir sehr wir den Marketing Firmen tag täglich auf den Leim gehen, was alles gemacht wird, dass die Alpen den Vorstellungen der erholungsgierenden Menschen gerecht werden. 

 

Der Tourismus und die alpinen Vereine heizen die eh schon sehr belasteten Alpen noch zusätzlich an. Dadurch das die Menschen den Erholungsraum Alpen immer öfter für sich entdecken, werden diese Probleme immer sichtbarer. 

Was für ein Buch! Es liest sich recht flott und ist von Vokabular einfach gehalten. Ein Buch für Leute, die auch schon mal das Gefühl hatten, dass in den Alpen einiges schief beziehungsweise aus dem Ruder läuft.

Vieles aus dem Buch kann ich voll und ganz bestätigen und bin der gleichen Meinung. Bei einigen Themen muss ich mich wirklich selbst an die Nase fassen. Inwieweit sich der Bergsport wirklich zum schlechteren verändert hat, muss schlussendlich jeder für sich selbst entscheiden, beziehungsweise hoffentlich sein Schlüsse daraus ziehen. Ich finde schon, dass der Autor in einigen Themen den Nagel auf den Kopf getroffen hat und ein bisschen Besinnung auf das Ursprüngliche nicht verkehrt wäre. Ein Aussteigen aus dem Teufelskreis „Schneller, höher, weiter“ würde uns allen helfen.

 

Sebastian Lobinger – Ende im Gelände, Ein Plädoyer für mehr Ursprünglichkeit im Bergsport

Sebastian Lobinger

Independently published – Ohne Verlag

192 Seiten

ISBN: 979-8568357346


Oktober 2022

Anderl Heckmair – Eiger Nordwand, Grandes Jorasses und andere Abenteuer

Wenn man an die goldene Zeit des Bergsteigens im 20. Jahrhunderts denkt, kann man nicht an Anderl Heckmair vorbeikommen. Geboren 1906, in einem Waisenhaus aufgewachsen lernt er früh, dass man für das tägliche Auskommen und die Erfüllung seine Träume kämpfen muss. Trotz seiner bettelarmen Verhältnisse ließ er sich seine Berge nicht nehmen. Mit dem Rad, wie eigentlich alle in dieser harten Zeit, unternahm er große Bergfahrten nach Südtirol, in die Schweiz und sogar nach Afrika. Mit dem Rad! Meist arbeitslos hielt sich der Lebenskünstler mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Schwierige Klettereien in den Dolomiten an der Grandes Jorasses und im gesamten Alpenraum füllten in den frühen dreißiger Jahren sein Tourenbuch. Als er dann 1933, mit Hilfe Willo Welzenbachs, die Erlaubnis für die Teilnahme an der Bergführerprüfung in Innsbruck erhielt, diese mit sehr gut ablegte, ging sein Stern am alpinen Himmel erst so richtig auf. Er war voll in seinem Element. Er wurde zu einem der besten Kletterer der dreißiger Jahre und bestätigte das mit der ersten Durchsteigung der Eiger Nordwand. Was für eine Leistung! In einem Wettersturz führte er sich und seine drei Kameraden im Juli 1938 aus der „Mordwand“. Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitete er wieder als Bergführer, wo er viele Kunden auf die Berge der Alpen führte. Wie schon zu Anfang in den zwanziger Jahren legte er später wieder seinen Fokus auf fremde Länder.

 

Er organisierte Expeditionen nach Afrika, Südamerika, Kanada und in den Himalaya. 1969 war er der Initiator für die Gründung des Deutschen Bergführerverbands. Seine interessanten und packenden Vorträge waren stets beliebt und er füllte damit ganze Säle. Bis zu seinem Tod im Jahr 2005 lebte er in Oberstdorf. 

Dieses Buch ist sehr zu Empfehlen. An Wochenenden mit schlechtem Bergwetter ist das genau das richtige Buch um seine innerlichen Abenteuergeist zu aktivieren. Humorvoll und unterhaltsam berichtet der Bergvagabund von seinem Leben. Pures Abenteuer! Es gibt dem Leser einen wunderbaren Überblick über das Leben und Wirken eines Ausnahme-Bergsteigers. Das Wort Abenteuer, wie wir es heute oft für unsere meist harmlosen Bergtouren missbrauchen, war für Ihn das tägliche Leben. Hunger, Entbehrungen, und tagelange Radtouren nach Zermatt, Chamonix oder in die Brenta waren für Ihn und seine Kollegen normal. Dann wartete keine gut ausgestattete, bewirtschaftete Hütte, sondern meist nur Selbstversorgerhütten, Biwaks oder einfaches übernachten in luftigen Viehställen.

 

Für mich gehört Anderl Heckmair in die erste Reihe der Bergsteiger des 20. Jahrhunderts. Einer der besten Deutschen Bergsteiger überhaupt. Sein Leitspruch war zeitlebens „Es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an“. Irgendwie sympathisch und es trifft die Sache voll.

Anderl Heckmair – Eiger Nordwand, Grandes Jorasses und andere Abenteuer

Anderl Heckmair

AS Verlag, Zürich

240 Seiten

 

ISBN: 978-3905111385


September 2022

Eiger - Die längste Nacht meines Lebens - 

Eine junge Bergsteigerin und ihr Kampf ums Überleben

Das erste Buch, auf das ich auf meiner Seite etwas genauer eingehen will, ist auch das erste Buch einer südtiroler Jungautorin. Andrea Wisthaler, eine aus dem schönen Pustertal stammende Alpinistin fand schon jung die Liebe zu den Bergen. Von den schönen 3000er Ihrer Heimat über die 4000er der Westalpen wurden Alpinklettereien und Hochtouren Ihre Leidenschaft.

Im Jahr 2019 probierte sie mit einem Freund und zwei Bekannten, die sie bei einer Begehung der Watzmann Ostwand kennengelernt hatten, den Mittellegigrat zum Eiger. Auf der Ostegghütte wurde kurz vor dem großen Unternehmen noch einmal übernachtet, bevor sich die vier mit zwei dort getroffenen Belgiern am nächsten Morgen zu dem für sein eigenes Wetter bekannten, geschichtsträchtigen Berg auf machten.

 

Zuerst lief alles wie am Schnürchen, man war flott unterwegs, schnell überwand man die Schlüsselstellen aber kurz unterhalb der rettenden Mittellegihütte kamen die jungen Alpinisten in einen Wettersturz. Aus Niesel wurde Regen, aus Regen Graupel. Schnell wurden eigentlich leichte Passagen unmöglich zu klettern. Das aufkommende Gewitter verschlimmerte Ihre Situation zusätzlich. Die Temperaturen sanken rapide. Sie saßen fest, konnten weder vor noch zurück. Eine Wettlauf gegen die Zeit begann…

Ehrlich, gefühlvoll und schonungslos offen erzählt Andrea von Ihren Erlebnissen, von Fehlern auf dem ausgesetzten Osteggrat. Dieses Buch ist bestimmt kein Heldenepos! Es ist eine unglaublich gut ehrzählte, wahre Begebenheit, die so jeden von uns Hobby-Bergsteigern einmal passieren kann. Deshalb ist sie so fesselnd. Kein Reinhold Messner Buch, der im fernen Himalaya ein Abenteuer knapp überlebt hat und diese Geschichte gekonnt und fantastisch ausschlachtet.

 

Nein, hier schreibt eine von uns über Ihre schlimmste Nacht in den Bergen. Auf dem Mittellegigrat Integral. Hier wird genauso auf die trägen und zugleich tragischen Gruppenentscheidungen eingegangen aber auch auf die positiven und negativen Eigenschaften der einzelnen Seilschaftsmitglieder. Als einzige Frau der Gruppe nimmt Sie uns mit in Ihre Gedankenwelt, lässt uns teilhaben an Ihren Ängsten und Hoffnungen. Eine ehrliche und hilfreiche Fehleranalyse rundet dieses Werk ab. Für mich das Bergbuch der Jahres 2022 und deshalb auch mein erster Buchtipp.

Eiger - Die längste Nacht meines Lebens - Eine junge Bergsteigerin und Ihr Kampf ums Leben

Andrea Wisthaler

Athesia-Tappeiner Verlag

192 fesselnde Seiten

ISBN: 978-8870739824