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Hochtouren in Nord-Chile

Hochtouren in Nord-Chile

Datum: 10.02.2011 – 13.03.2011

Teilnehmer: Birgit, Thomas

Gipfel:

Cerro Siete Hermanas 4877m

Cerro Mulas Muertas 5897m

Cerro Barrancas Blancas 6119m

Ojos del Salado 6893m, Abbruch etwas über Camp II (5825m)

Corro Toco 5604m

Cerro Corona 5291m

Vulcan Lascar 5620m

Cerro Sairecabur 6004m, Abbruch bei 5610m

 

Lange träumte ich schon von Chile, der Atacama Wüste und den hohen Bergen, die da in den Anden einfach so rumstehen. Als ich beim Heimfahren von einer Bergtour an einer Tankstelle ein National Geographic Magazin kaufte, in dem ich einen großen Bericht über Chile fand, war mein nächstes Ziel insgeheim geplant. Wie es aber so oft mit solchen Urlaubsplänen ist, werden sie vergessen und über dem Magazin wurden andere gestapelt.

Als ich dann im November 2010 mit Birgit nach Thailand und Malaysia zum Klettern und Backpacking fuhr, fanden wir heraus, dass wir beide mal eine große Bergsteigerreise machen wollten. Die nächsten Tage wurde immer wieder mal die möglichen Ziele diskutiert. Es vielen Regionen wie Nepal oder Tibet. Vom Mount Everest Basecamp Track über die Annapurna Runde wurden die üblichen Reisegebiete der Bergsteiger in die Runde geworfen.

Als wir dann drei Wochen später wieder Zuhause angekommen sind und Birgit unsere Planungen Thomas erzählte, wollte der natürlich auch mit. Da aber jetzt der Reisezeitraum in Thomas studienfreie Zeit fallen musste, suchten wir mögliche Ziele in diesem Zeitraum.

Ich kramte in meinen National Geographic Magazinen und fand die Ausgabe mit dem Chile Bericht. Ich erzählte den beiden vom Ojos del Salado und der Atacama Wüste. Beide waren sofort hellhörig und nachdem sie sich kurz informiert hatten, völlig begeistert.

Wir trafen uns einige Male und steckten grob unsere Ziele ab. Da wir ja ohne äußere Unterstützung und Hilfe dort in Chile agieren wollten, mussten wir im Vorfeld einiges Recherchieren und Planen. Es wurden Aufgaben verteilt, Flüge und Mietautos gebucht. Ausrüstungsgegenstände, die wir von Deutschland aus mitnehmen wollten, mussten ausgewählt und gekauft werden. Außerdem mussten etliche Listen mit Ausrüstungsgegenständen, die in Chile gekauft werden mussten, erstellt werden. Viel Arbeit, die uns aber richtig Spaß machte.

Mit unseren Plänen bei unserer Chile Reise den zweithöchsten Berg des amerikanischen Doppelkontinents zu besteigen, mussten wir uns natürlich auch mit der Höhenanpassung beschäftigen. Denn auch die kleineren Berge sind dort höher als unser heimischer Mont Blanc. Diese Akklimatisation wollten wir natürlich sorgsam angehen und unsere Anpassung in einem kleinen Büchlein dokumentieren. Für mich sollte die Bergsteigereise nach Chile nur ein Startpunkt sein, denn ich wollte höher hinaus. Der Traumberg wäre ein kleiner Nebenbuckel des K2 im Karakorum. Aber Schritt für Schritt, ich wusste ja noch nicht wirklich wie ich mich akklimatisieren konnte.

 

Um in der trockensten Wüste der Welt und am Berg überleben zu können, mussten wir, wie schon berichtet, bereits im Vorfeld viel planen und organisieren. Es ging dabei um elementare Dinge wie ein wind- und sturmsicheres Zelt, Expeditionsschlafsack, Isomatten, Multifuelkocher und Verpflegung im Allgemeinen. Denn die nächste Einkaufsmöglichkeit befand sich eine Tagesreise auf nicht asphaltierten Sandpisten entfernt. Auch die Mobilität in Chile musste bereits aus der Heimat organisiert werden. Es stellte sich heraus, dass sich für das Vorhaben ein benzingetriebener Pickup wegen der besseren Höhenverträglichkeit gegenüber einem dieselgetriebenen Fahrzeug besser eignen würde. Nachdem wir noch unsere Spanischkenntnisse aufgefrischt haben und viel Literatur und Landkarten studiert haben, konnte es losgehen.

Nach einem langen Flug wurde das erste Ziel, die Hafenstadt Antofagasta erreicht, wo das bestellte Auto warten sollte. Aber wie ich schon von meinen Reisen nach Brasilien wusste, mussten wir auch hier feststellen, dass die Uhren in Chile langsamer gingen. Nach zwei Telefonaten, endlosen drei (gefühlten 100) Stunden Wartezeit und einer Verständigung mit Händen, Füßen und einem Grundwortschatz Spanisch konnten wir das Problem lösen.

Anschließend wurde in einem riesigen Supermarkt der nötige Proviant und die noch fehlenden Ausrüstungsgegenstände für die nächsten zwei Wochen besorgt. Da es auf den Hochplateaus keine Möglichkeit gab, an Wasser bzw. Nahrungsmittel zu kommen, mussten wir sorgfältig rechnen. Den Wasserreserven allerdings wurde die größte Aufmerksamkeit gewidmet, da beim Kochen, Spülen, dem Minimum an Körperpflege, aber auch wegen der trockenen Luft in großen Höhen und dem Aklimatisationsprozess an sich viel Wasser benötigt wird.

Als wir alles beisammen hatten und alles auf unseren roten Pickup verstaut hatten fuhren wir in unser erstes Gebiet. Im Nationalpark „Pan de Azucar“ wollten wir die Höhenanpassung starten. Hier hatten wir die Möglichkeit uns an leichten Bergen an die Höhe und dem Gelände anzupassen.

In diesem Nationalpark lag, wunderschön gelegen, die „Laguna Santa Rosa“, ein kleiner Salzsee, der zur Hälfte mit einer Salzkruste bedeckt ist. Dort konnte man Flamingos und Vicunas, die kleinste Lama Art in ihrer natürlichen Umgebung auf 3800 Meter beobachten. Am Rande des Sees lag ein spartanisches Refugium, dass uns als Base Camp beste Dienste leistete. Dort war reger Verkehr. Man konnte in einer Nacht zu dritt übernachten aber genauso mit 17 anderen Bergsteigern aus aller Welt auf den 20 Quadratmeter Grundfläche. Das machte das Ganze allein schon wegen der begrenzten Liegefläche zu einer interessanten Sache.

Am dritten Tag morgens juckte es mich. Ich wollte was tun. Meine Blutsauerstoffwerte waren wieder im normalen Bereich, also ist meine Anpassung vollzogen. Bei Birgit und Thomas, dauert es noch ein wenig. Ich wollte einen Versuch unternehmen und den etwas hinter dem Rifugio versetzt gelegenen Siete Hermanas mit 4877m zu besteigen. Immerhin höher als der Mont Blanc.

Ich verabschiede mich von den beiden und steige gleich hinter dem Rifugio weglos über eine Sandschulter Richtung Nordosten. Auf der Schulter angekommen, gehe ich einen breiten Grat zu einer weiteren, noch steileren Schulter bis auf 4700m. Am Gipfelaufbau wird es dann sandiger und steiler bis ich am Gipfel der Cerro Siete Hermanos stehe. Mein bisher höchster Berg!

Irgendwie ein eigenartiges Gefühl nach nur 1000 Höhenmetern auf einem knapp 4900 Meter hohen Berg zu stehen. Ganz allein, irgendwie surreal. Ich hätte nicht gemeint, dass ich schon beim ersten Mal hinaufkomme. Aber ich fühle mich gut, mein Puls ist leicht erhöht aber nicht übermäßig schnell. Kurz Zeit später steige ich auf dem Anstiegsweg zurück zum Rifugio. Ich versuche leicht zu joggen, was mir allerdings nach kurzer Zeit doch meinen Puls in die Höhe Schnellen lässt. Ich stoppe und wandere die letzten Meter zurück zum Rifugio. Beim Rifugio angekommen, messe ich meinen Blutsauerstoff, der weiterhin im normalen Bereich ist. Ich bin also voll im Plan. Bei Birgit und Thomas ist die Höhenanpassung noch im Gange. Birgit und Thomas fragen mich wie es war und wie schwer der Aufstieg war. Wir planten für den übermorgigen Tag eine gemeinsame Besteigung. Derweil vertreiben wir uns die Zeit mit Lesen, um den See wandern und mit Essen. Bei der Höhenanpassung ist es wichtig den Körper die Zeit zum Bilden der roten Blutkörperchen zu geben.

Endlich soll es auch für Birgit und Thomas so weit sein. Heute wollen wir gemeinsam auf den Siete Hermanos steigen. Ich kenn ja den Weg schon und deshalb gehe langsam voraus. Die beiden achten sehr auf Ihren Puls und so machen wir doch einige Pausen. Am Gipfel angekommen, freuen wir uns gemeinsam über den ersten Schritt Richtung Ojos del Salado. Heute genießen wir gemeinsam die Aussicht, was umso schöner ist, weil man die nächsten Tage was zu erzählen hat was der gegenüber auch miterlebt hat.

Wieder zurück beim Rifugio, fangen wir für das Abendessen zu schnipseln an. Abwechselnd helfen wir einander beim Kochen und Packen. Denn morgen, nach knapp einer Woche wollen wir unser Basecamp wechseln und auf eine neue Höhe, in ein neues Tourengebiet fahren. Unser neues Ziel sollte auf der Hochebene „Laguna Verde“, 4800 Meter Seehöhe sein. Wir fuhren mit unserem roten Pickup zurück nach Antofagasta. Dort füllten wir unsere Lebensmittelreserven auf. Holten frisches Wasser und noch das ein oder andere nützliche Küchenutensil. Anschließend fuhren wir tanken und schon ging es ins neue Tourengebiet, nach Laguna Verde. Die „Laguna Verde“ ist auf einem wunderschönen Hochplateau umringt von hohen 5000er und 6000er gelegen.

Dort wurde teils im Zelt, teils in einer alten Grenzhütte übernachtet. Diese Hütte war recht spartanisch „eingerichtet“. Es waren vier Betten, Alter der Matratzen unklar, ein aus Baumstämmen zusammengenagelter Tisch und Baumstämme, die als Sitzmöglichkeit dienten in der Hütte als Einrichtungsgegenstände. Die Essensvorräte mussten wir an der Decke aufhängen, denn sonst hätten die Ratten ein Festessen.

Hier machten wir es uns erst einmal gemütlich. Jeder schnappte sich ein Bett und breitete seinen Schlafsack aus. Dann fingen wir erstmal damit an Abendessen zu kochen. Da wir wieder frisches Gemüse hatten, machten wir uns heute eine Gemüsesauce zu unseren Nudeln. Wir hatten es schon gut in unserem „Shabby Hut“. Da wir nicht nur zur Rattenzählung hier waren checkten wir unsere Karten und suchten uns den Cerro Mulas Muertas als nächstes Gipfelziel aus. Wir planten morgen gleich nach dem Frühstück los zu marschieren. Ich schlief wunderbar und erwachte frisch und voller Tatendrang am Morgen. Thomas und Birgit hingegen konnten sich auf die neue Höhe über die Nacht nicht anpassen. Sie fühlten sich mies und schon bei der geringsten Anstrengung schoss Ihr Puls in die Höhe. Das zeigte auch unsere Blutsauerstoffmessung. Wiederum musste ich allein los.

Ich verabschiedete mich von den beiden und stieg Richtung Osten eine sandige Schulter hinauf. Auf dieser blieb ich, bis auf eine Höhe von 5350m. Hier musste ich schon ziemlich schnaufen. Immer länger wurden meine Pausen. Vor mir erkannte ich eine weitere Schulter, die von Norden heraufkommt. Ich folgte dieser Schulter in südlicher Richtung auf einen Steilhang zu. Links und rechts von mir konnte ich Büßerschnee ausmachen. Schon recht bizarr, diese Schneeform. Ich machte einige Fotos uns genoss die Pause. Einen Fuß vor den anderen setzend, stieg ich den Steilhang bis auf eine Höhe von 5700m und kam am Gipfelgrat raus. Den folgenden Grat zum höchsten Punkt konnte ich unschwierig überwinden. Puh. Die dünne Luft konnte ich spüren und jede Zelle in meinem Körper ächzte nach Sauerstoff. Ich hatte irgendwie ein beklemmendes Gefühl. Lange wollte ich nicht hier heroben sein. Ich steige vorsichtig auf dem Anstiegsweg nach unten. Nach dem Steilhang, bei der Schulter angekommen, machte ich Pause und konnte endlich wieder richtig durchschnaufen. Der restliche Abstieg zur Hütte war nicht mehr schwierig aber ich war völlig platt und stolperte eher Richtung Hütte.

Ich wurde von den beiden anderen schon sehnlichst erwartet. Sie haben sich Sorgen gemacht, weil ich so lange nicht zurück gekommen bin. Ich hatte völlig das Gefühl für die Zeit verloren. Ich hatte für die knapp 1400 Höhenmeter hinauf und hinab 8,5 Stunden gebraucht. Gut, dass die beiden schon das Abendessen vorbereitet haben. Ich war völlig fertig und hatte richtig Hunger.

Ein paar Tage später, als ich mich wieder erholt hatte und die Blutsauerstoffwerte von Birgit und Thomas gut waren, griffen wir den nächsten Berg an. Die Wahl fiel auf den über 6000 Meter hohen Cerro Barrancas Blancas. Das würde ein wahrer Prüfstein für unser eigentliches Ziel, den Ojos del Salado sein. Zwar ist der Berg ohne wirkliche Schwierigkeiten, ist die Höhe trotzdem nicht unerheblich. Deshalb mussten wir bei unserem ersten Versuch bei Graupelschauer und Nebel unseren Versuch auf 5630 Meter abbrechen.

Einen Tag später probierten wir es noch einmal. Wie schon beim ersten Mal fuhren wir mit unserem Pickup soweit wie es ging nach oben. Auf einer Sand- und Schotterpiste hörten die Fahrzeugspuren abrupt auf. Hier auf 4950 Meter stiegen wir aus und schulterten unseren Rucksack. Bei den Bergen hier an der Laguna Verde ist nicht die Schwierigkeit der limitierende Faktor, sondern eher die Wegfindung. Hier sind, nicht wie in den Alpen die Berge mit Wanderwegen übersät, sondern man muss die Berge mit Hilfe einer Karte und den Gegebenheiten Vorort von der vermeintlich einfachsten Stelle angehen. Wir gingen also auf eine Schulter zu, die sich von einigen Vorgipfeln Richtung Westen bis zum Gipfel zieht. Unglaublich mühsam ist es in dieser Höhe weglos auf dem Schotter. Nach dem Motto ein Meter vorwärts und einen halben Meter zurück kämpften wir uns Höhenmeter für Höhenmeter nach oben. Ich war deutlich besser akklimatisiert als meine beiden Begleiter und deshalb ging ich immer ein wenig voraus um den weiteren Aufstiegsweg zu erkunden. Ich hatte dadurch natürlich auch Zeit jede Menge Fotos zu machen. Kurz vor dem Gipfel wendet sich der logische Aufstiegsweg nach Norden um den Halbkreis des Gipfels zu erklimmen. Auf dem Halbkreis angekommen fallen wir uns erstmal in die Arme. Man, sind wir fertig! Aber die Aussicht von Gipfel auf den Ojos del Salado, wie schon den ganzen Aufstieg über ist fantastisch. Wir halten uns nicht lange, denn der Wind ist kalt und richtig schneidend. Auf dem gleichen Weg steigen wir ab und kommen einige Zeit später am Pickup an.

Nachdem wir jetzt diesem Bergriesen bestiegen hatten, dachten wir, wir sind bereit für den Ojos del Salado. Jetzt nachdem wir die Akklimatisation mehr oder weniger abgeschlossen hatten, ruhten wir uns ein paar Tage im Basecamp aus, bevor wir unser Hauptziel angehen.

Zwei ganze Tage brauchten wir um die Strapazen des 6199m hohen Barrancas Blancas zu verdauen. Wir beobachteten auch weiterhin unsere Blutsauerstoffwerte und auch diese wurden erst wieder am zweiten Tag so, dass man an eine weitere Adaption denken konnte. Am nächsten Tag wollten wir mit unserem Pickup ins erste Lager fahren und unser Hauptprojekt angehen. Was wir aber am nächsten Morgen vor der Türe unserer Hütte sahen, passte so überhaupt nicht in unser Konzept. Es hatte geschneit, bei uns vor der Hütte fünf Zentimeter Neuschnee. Wir sahen zum Ojos del Salado hinüber. Der ganze Anstieg ist tief verschneit. Der Gipfelbereich vor Wolken nicht zu sehen. Wie befanden und in einer richtige Schlechtwetterphase. Wir wollten aber dennoch mit dem Pickup ins Camp 1 (Refugio Atacama) fahren und uns von den vorherrschenden Bedingungen überzeugen.

Auf der Fahrt zum Camp 1 störte uns der Schnee nicht sonderlich. Nur an den heiklen, schmalen Stellen mussten wir aufpassen, dass wir nicht die Spur verließen und seitlich abrutschten. Alles in allem ging alles gut und wir kamen heil auf 5200m. Von hier heißt es Rucksack schultern und weiter aufwärts gehen Richtung Camp 2 (Refugio Tejos). Hier merkten wir das erste Mal den unglaublich kalten Wind, der uns ins Gesicht blies. Es wurde jeden Höhenmeter den wir höher stiegen kälter. Ich hatte alles an, was ich dabei hatte und wurde nicht recht warm. Endlich hatten wir die 600 Höhenmeter zum Camp 2 geschafft und sahen den großen Überseecontainer, der das eigentliche Lager bildete. Die Sicht beschränkte sich auf die 50 Meter von uns. Ein Wind der laut Windmesser 80 Km/h erreichte machte die Sache nicht einfacher. Im Container trafen wir drei Amerikaner, die schon den zweiten Tag hier oben sind und auf besseres Wetter warten. Wir checkten mit den Amerikanern das Wetter für die nächsten Tage aber das sollte eher noch schlechter werden. Hmm, was machen wir? Wir beratschlagen ein wenig. Da wir eh keine richtige Chance kriegen, den Gipfel zu erreichen, wollen wir zumindest noch ein paar Meter nach oben gehen. Aber nach 150 Höhenmetern in Graupelschauern und starken Windböen, bei 5920m drehen wir um und gehen am Camp 2 vorbei direkt zum Camp 1 hinunter.

Ein bisschen geknickt sitzen wir jetzt in den riesigen roten Expeditionszelten rum und trinken Tee. Keiner hat Lust zu reden. Nach einer Stunde packen wir dann doch unsere Rucksäcke auf die Ladefläche und fahren zu unserem Basecamp hinunter.

Am Abend beim Essen beratschlagten wir wie es weitergehen sollte. Wir haben hier in Chile noch ein paar Tage bevor unser Flug in Antofagasta geht und die wollten wir eigentlich nutzen. Aber hier in der Laguna Verde Gegend ist das Wetter und die Aussicht auf besseres einfach zu schlecht. Also bleibt uns nichts anderes als woanders unser Glück zu versuchen.

Nach einem Blick in den Reiseführer und Karte ist das Ziel schnell gefunden. Wir wollen in die Gegend um San Pedro de Atacama, einer kleinen Wüstenstadt, wo rund herum einige leichte 5000er und 6000er Berge stehen. Obwohl wir für diese Gegend keine detaillierte Karte haben, wollen wir es probieren.

Auf der Fahrt dorthin hatten wir die Möglichkeit die weltberühmten El Tatio Geysire zu besichtigen, die als höchstgelegenstes Geysir-Feld der Erde bekannt ist. Um die ganze Pracht der Wasserspeier zu sehen, mussten wir dort im Zelt bei minus 18 Grad übernachten. In unseren Expeditionsschlafsäcke war das aber doch auszuhalten. Die Geysire sind laut Reiseführer besonders bei Sonnenaufgang besonders schön und da wir die richtige Ausrüstung dabei hatten und wir eh, nach der Enttäuschung vom Ojos del Salado ein bisschen Abstand brauchten, kam das gerade recht. Auch das eine oder andere indigene Dorf besichtigten wir bei der Fahrt nach San Pedro de Atacama. An den folgenden Erholungstagen konnten das „Valle de Luna“, das sich wie eine Mondlandschaft zeigt und mit sensationellen Farbspielen während eines Sonnenuntergangs aufbieten kann, und die Laguna Cejar, ein Salzwassersee, in dem der Salzgehalt so hoch ist, dass man, ohne sich zu bewegen einfach an der Oberfläche schwimmt, besichtigt.

In San Pedro de Atacama angekommen, brauchten wir uns in Punkto Akklimatisation keine Sorgen mehr machen. Gut akklimatisiert sind auch hier die Ziele schnell gefunden. Unsere Wahl fiel auf den Cerro Toco mit 5604 Meter. Ein Berg mit alpinem Charakter. Vom selbstgebauten Basecamp mit Zelt auf 4990 Meter unter der Sternenwarte am Fuße des Cerro Tocos geht es erst mit unserem Pickup an der Sternenwarte vorbei auf einer Sandpiste auf 5200m. Dort steigen wir auf Schnee und Firn in eine Schlucht hinein. Wir halten uns rechts und gehen hinter dem rechten Vorgipfel mehr oder weniger unschwierig zum Gipfel auf 5604m. Ist wieder mal richtig schön, einen Gipfel zu erreichen. Beim folgenden Abstieg in die Scharte stapfen wir durch tiefen Schnee hinunter. Später konnten wir die steilen Schnee- und Firnfelder abfahren. In guter Stimmung stapfen wir ausgelassen zurück zu unserem Pickup und fahren die paar Meter zurück zum Basecamp.

Beim Basecamp angekommen, kochen wir kurz etwas bevor wir das Basecamp hier abbrechen. Wir wollen zwei weitere 5000er besteigen und so verschieben wir unser Basecamp ein paar Kilometer. Wir wollen es zwischen dem Cerro Corona und dem Vulcan Lascar aufbauen, umso den Zugang zu den beiden Bergen zu bekommen. Mit unserem roten Pickup erkunden wir die Gegend um einen passenden Zeltplatz als Ausgangspunkt zu finden. Auf einer Schulter des Cerro Corona und südlich des Vulcan Lascar auf 4650m fanden wir einen solchen Platz.  

Nachdem wir unser Zelt aufgebaut hatten, fingen wir an unser Abendessen zu kochen. Zwischenzeitlich schauten wir uns die Karten an, um für die morgige Tour auf den Cerro Corona gut gerüstet zu sein.

Vom Basecamp aus gingen wir die linke Moräne auf groben Steinplatten bis zum deren Ende rauf. Dort hielten wir auf einen breiten Grat zu. Dieser Grat führte uns dann erst zum Vorgipfel, dann gerade aus auf den Hauptgipfel zu. Da die Ostwand des Gipfelaufbaus endlich mal nach ein wenig klettern aussieht, wählen wir den Zustieg über die Ostwand. Über gestufte Kletterstellen im oberen zweiten Grat erreichen wir unseren ersten Klettergipfel in Chile. Wir stehen auf dem 5291 Meter hohen Gipfel. Das Wetter ist schön und wir können wieder eine grandiose Aussicht genießen. Über den Normalweg steigen wir dann problemlos zurück zu unserem Zelt auf der unteren Schulter. Heute wollen wir nur noch ins Zelt, uns entspannen und dann den morgigen Aufstieg zum Vulcan Lascar 5620 Meter planen.

Als wir früh am Morgen von dem Wecker geweckt werden, ist heute bereits der 03.03.2011. Nur noch eine Woche ist übrig. Diese wollen wir noch nutzen. Auf 4650 Meter ist es schon richtig frisch am Morgen. Erst wenn die Sonne aufgeht steigt die Temperatur rapide an. Wir frühstücken kurz und machen uns dann auf die Socken. Vom Zeltplatz können wir den Aufstiegsweg gut einsehen. Wir wandern erst auf einer sandigen Piste bis auf eine Höhe von 4900m. Hier enden abrupt die Fahrspuren. Wir halten unsere Gehrichtung und finden kurze Zeit später einen leicht erkennbaren Pfad, den wir folgen. Dieser Pfad führt uns in westlicher Richtung direkt auf die Gipfelcaldera zu. Ganz ungewohnt einen „Wanderweg“ zu haben, auf dem man hinaufgehen kann. Am Gipfelaufbau angekommen, erreichen wir über leichte Kletterstellen den höchsten Punkt des Vulkans. Wir hofften die Tage zuvor und auch beim Aufstieg vielleicht einen See in der Caldera zu sehen oder zumindest rauchende Schlote aber weder das eine noch das andere konnten wir finden. Anscheinend war der Vulcan erloschen.

Beim folgenden Abstieg konnten wir am Horizont schon dichte Bewölkung sehen. Schlechtwetter ist in Anzug. Wir stiegen zu unserem Zelt ab und machten uns erstmal Tee. Dann wollen wir Abendessen kochen. Mittlerweile ist der Himmel voller Wolken und es wird merklich kühler. Nach dem Spülen verschwinden wir bald in unsere Schlafsäcke und kurze Zeit später sind wir eingeschlafen.

Am nächsten Tag, als wir das Zelt öffnen, liegen 10 Zentimeter Neuschnee. Ein klarer Himmel begrüßt uns. Wir wollten uns zwar heute dem Cerro Sairecabur nähern, also unser Basecamp verschieben, aber ob wir das mit dem Neuschnee überhaupt noch machen sollten… Wir waren ein wenig ratlos. Wir entschlossen uns Richtung Sairecabur zu fahren und dort die Verhältnisse zu prüfen. Mit unserem Pickup konnten wir bis etwa 5050m fahren. Also wir wollen es morgen probieren. Von unserem Zeltplatz auf der Schulter des Cerro Corona wollen wir früh am Morgen zum Cerro Sairecabur 6004m fahren und dort einen Weg auf den Gipfel finden.

Wir fuhren also zum Zelt zurück und bereiteten uns für den morgigen Tag vor. Nach einer kurzen Nacht gehen wir, nachdem wir wieder mit dem Pickup bis etwa 5000m gefahren sind, den üblichen Fahrweg entlang. Leicht zeichnen sich die Fahrspuren unter dem Neuschnee ab. Nachdem wir das Hochplateau erreicht hatten, gehen wir Richtung Osten, um über eine kleine Schulter auf die Südseite des Berges zu kommen. Wir hofften hier weiter hinauf zu kommen, da uns die Ostseite keine Aufstiegsmöglichkeit bot. Auf der Südseite wurden aber die Schneebedingungen immer schlechter und wir standen bald hüfttief im Schnee. Auf dem 50° steilen Hang wurde der Schnee zu Qual. Irgendwann stoppten wir. Uns war einfach nicht mehr gut, hatten Angst, dass sich der ganze Hang lösen könnte. Wir überlegten nur kurz. Wir kehrten auf 5610m wegen zu hoher Lawinengefahr um und begruben unseren Traum vom zweiten 6000er. Wir stiegen ab und packten unsere Sachen. Wir verstauten alles auf der Ladefläche und fuhren erstmal nach Copiapo, unweit der Miene, in der sich einige Monate zuvor das tragische Grubenunglück ereignete.

Später fuhren wir zu einem Zeltplatz, wo wir es uns noch zwei Tage gut gehen lassen wollten. Hier trafen wir zum ersten Mal wieder andere Menschen. Ich freute mich auf die Backpacker, denn ich wusste von meinen Reisejahren, dass die meisten ziemlich locker drauf sind. Wie schon zu Beginn unseres Chile Aufenthalts, hatten wir auch die letzte Nacht in einem Vier Sterne Hotel gebucht. Das war ein Spaß, wie wir da zur Rezeption reinmarschiert sind. Die Blicke der Gäste und Angestellten war uns sicher. Ein ereignisreicher Urlaub ging zu Ende, der sicher lange in Erinnerung bleiben wird! Ich habe unglaublich viel gelernt.

 

Fazit: Trotz der großen Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und der Akklimatisationsfähigkeit war es für mich ein gelungenes Projekt. Wir haben unser Ziel, das Reinschnuppern in das Höhenbergsteigen und das eigenständige Unterwegssein am Berg voll erreicht. Unsere Bergziele waren jetzt weder technisch schwierig noch extrem ausgesetzt. Das wollten wir auch nicht. Ziel war ja kennenzulernen wie wir auf die Höhe reagieren. Ob wir uns eventuell an höhere, anspruchsvollere Ziele ran wagen können und vor allem das Land kennen zu lernen.

Die Ziele waren eher leichte Wanderberge auf einer Höhe zwischen 5000 und 6000 Meter. Dennoch stellten die Gipfel gewissen Anforderung an Orientierungssinn und Durchhaltevermögen beziehungsweise Leidensfähigkeit. Was man natürlich auch beachten muss ist, dass es hier in der Atacama Wüste keine Bergrettung oder Schutzhütten gibt. Wenn der Fuß verknaxt oder gebrochen ist, dann muss man es allein wieder in die Zivilisation schaffen.

 

Schade war allerdings, dass wir an unserem Hauptziel, dem Ojos del Salado nie eine richtige Chance hatten. Ich möchte Birgit und Thomas danken, mit denen ich vier Wochen in Chile verbringen konnte. Wir waren, so denke ich, ein gutes Team, hatten uns gegenseitig am Berg unterstützt und waren meistens einer Meinung beziehungsweise konnten immer gute Kompromisse schließen. Der Spaß kam nie zu kurz. Die Sehenswürdigkeiten, die wir zwischen den Bergen an Erholungstagen angeschaut hatten, waren grandios. Alles in Allem gewaltige Vier Wochen!

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