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Westliche Karwendelspitze 2385m

Westliche Karwendelspitze 2385m - Winterbesteigung

Datum: 25.05.2021

Teilnehmer: Peter                                     

Gipfel:

Westliche Karwendelspitze 2385m

Wetter:  starke Bewölkung, ohne Sonne, bei relativ warmen Temperaturen, gegen Mittag Schneesturm am Gipfel, der im Laufe des Abstiegs nachließ

Schwierigkeiten: 50 Grad, B/C, I+, in Summe 1650hm

Bedingungen: wechselhafte Schneeverhältnisse, nasser, schwerer und Pappschnee, viele Altschneefelder und ab 1900m geschlossene Schneedecke,

Strecke: Parkplatz Nr.3 Am Waudl 912m – Mittenwalder Hütte 1519m – Karwendelsteig - Karwendelbahn Bergstation 2264m – Westliche Karwendelspitze Klettersteig – Westliche Karwendelspitze Gipfel 2384m – Westliche Karwendelspitze Klettersteig – Karwendelbahn Bergstation 2264m – Karwendelsteig - Mittenwalder Hütte 1519m – Parkplatz Nr.3 Am Waudl 912m

 Ausrüstung: Steigeisen, Pickel, Gamaschen, Gurt, Schlinge mit Karabiner

 

 

Seit Wochen schaufeln ein Tief nach dem anderen feuchte Luft nach Europa. Diese zwar für unseren Grundwasserspiegel und den Bauern schöne Momentaufnahme, bringt den mitteleuropäischen Normalbergsteiger ziemlich zum Verzweifeln. Nicht mal im Ansatz lässt es uns Planungsspielraum für die eine oder andere Tour. Was im Flachland als Regen runterkommt, kommt im Gebirge als Neuschnee im April und Mai runter. Die dazukommende Corona Ausreisesperre ist dabei auch nicht sehr hilfreich, um es diplomatisch auszudrücken.

Etwas zermürbt kontaktierte ich Peter, der für Bergtouren mit jeglichen Wetterverhältnissen zu haben ist. Sollten wir uns an eine kleine Regentour trauen? Mit einem „Natürlich“ und „klar, wo soll es hingehen“ wurde meine Stimmung auf einen Schlag besser.

 

Viele Ziele schossen uns in den Kopf, aber nur wenige waren wegen der Schneemengen im Hochgebirge realistisch. Wir einigten uns schnell auf eine „Winterbesteigung des Mittenwalder Höhenwegs“. Da diese schöne, leichte, bei schönem Wetter im Sommer völlig überrannte Grattour auf unseren beider Wunschlisten stand, freuten wir uns auf eine einsame Tour. Denn diese wäre uns bei etwas winterlichen Verhältnissen sicher.

Wank und Estergebirge v.l.n.r. im Aufstieg kurz nach der Mittenwalder Hütte

Aus verschiedenen Online Portalen war von häufigen Winterbegehungen des Mittenwalder Höhenwegs die Rede, so dass wir zumindest mit Spurresten rechnen konnten. Die aktuelle Schneegrenze war bei 1600-1700 Meter, somit stand fest, dass wir viel im Schnee stapfen würden müssen. Aber wie es in letzter Zeit öfter der Fall ist, nahm die Zahl der Sonnenstunden, je näher der Tourentag kam, im Wetterbericht kontinuierlich mehr ab. Am Ende hatten wir keine einzige Sonnenstunde, mit angesagten Niederschlag ab dem frühen Nachmittag im Wetterbericht stehen. Also optimale Voraussetzungen für einen schönen Bergtag!

 

Wir fuhren am Vorabend nach Mittenwald und parkten Peters Bus am Parkplatz Nr.3 der Karwendelbahn „Am Waudl“. Nach einem schönen Männerabend verkochen wir uns bald im Schlafsack, denn bereits früh sollte der Wecker läuten. 

Ab der Hütte ist das Ziel immer fest im Blick 

Pünktlich um 5Uhr starteten wir und nahmen die ersten Höhenmeter zur Mittenwalder Hütte in Angriff. Über einen schönen, leicht zu begehenden Steig konnten wir nach etwa einer Stunde von der Hüttenterrasse die Aussicht auf das Wetterstein Gebirge und ganz weit unten, auf Mittenwald genießen. Nach ein paar Fotos ging es auf dem Karwendelsteig, erkennbar schwieriger weiter Richtung Bergstation der Karwendelbahn.

 

Schon kurze Zeit nach der Hütte, etwa auf 1700 Meter erreichten wir die ersten kurzen Schneefelder, die wir noch gut umgehen konnten. Doch diese wurden mehr und schließlich war die Schneedecke geschlossen. Die Querungen ins hintere Kar hinein waren richtig unangenehm, da die Schneerutsche, den gut zu querenden Schnee ins Tal befördert haben, blieb nur eine harte Schneekruste übrig. Schnell entschieden wir uns für Steigeisen, die uns sofort mehr Sicherheit gaben. 

steile Querungen auf dem Weg ins hintere Kar

War es bei den Querungen noch relativ einfach den Wanderweg unter dem Schnee zu erkennen, war es dann später, als der Steig in die große Flanke zur Bergstation eindrehte unmöglich. Alle Markierungen waren unter dem Schnee. Mit Gespür und Glück fanden wir den richtigen Aufstieg in der Schneeflanke, wo wir teilweise sehr schlechte Schneeverhältnisse vorfanden. Knietief bis Hüfttief wühlten wir uns nach oben, aber irgendwann wussten nicht mehr, wo wir oben aussteigen sollten. Ohne Wegmarkierung, die ja unter dem Schnee war, und einem nach oben versperrenden Felsriegel wussten wir nicht mehr weiter. Links schwerer Fels, über uns schwerer, teils überhängender Fels und rechts eine steile Schneeflanke die nicht gut aussah.

 

Mittlerweile waren wir höhenmäßig schon über der Bergstation aber fanden den Durchschlupf auf das Bergstation Plateau nicht. Wir besprachen unsere Situation und unsere Möglichkeiten und beschlossen den Abstieg. 

Peter in der steilen Schneeflanke kurz vor dem Ausstieg auf das Bergstation Plateau

Ziemlich geknickt stapfte ich meine Aufstiegspur im tiefen Schnee hinunter. Nach etwa 50 Höhenmeter schrie Peter, „Schau, dort unten! Da ist ein Stahlseilschlinge!“

 

Und tatsächlich, wir waren doch auf dem richtigen Weg. Auf einer kleinen Felsinsel, zwanzig Meter unter uns, schaute aus der Schneeoberfläche eine Stahlseilschlinge des Sommerweges raus. Juhu! Das gab mir nochmal eine Motivationsspritze um den bis zu 50 Grad steilen Schneehang anzuspuren. Erst versank ich tief, aber schon ein paar Meter später, kurz nach einer steilen Schneerippe, wurde die Schneeoberfläche härter und ich konnte zum oberen Ende des Schneehangs hinüberqueren. Ganz oben konnte ich schon eine Rastbank sehen, was für ein tolles Gefühl doch noch oben aussteigen und die Tour fortsetzen zu können. Freude strahlend stand ich oben auf dem Plateau und wartete auf Peter, der kurze Zeit später auch nachkam.

Die westliche Karwendelspitze vom Ausstieg aus der steilen Schneeflanke - rechts unten ist der Einstieg zum Klettersteig, dieser führt dann von rechts nach links zum Gipfel mit Kreuz

Wir genehmigten uns erst Mal einen Schluck Cola und staunten nicht schlecht. Hier standen wir im tiefsten Winter. Februar lässt grüßen. Den Weiterweg über den Mittenwalder Höhenweg schrieben wir sofort ab. Ohne Spur mit einem Meter Schnee ist das wirklich nicht machbar. Wir beschlossen Plan B, die westliche Karwendelspitze zu besteigen und danach den gleichen Weg zur Mittenwalder Hütte abzusteigen. 

 

Das unser Plan B Ziel auch nicht so einfach zu erreichen ist, bemerkten wir bereits nach ein paar Meter in der Querung zum Einstieg. In einer knietief mit Neuschnee gefüllten Frässpur stolperten wir südlich Richtung Felsgrat. Hier begrüßte uns ein starker, kalter Wind aus Süden. Am Einstieg angekommen, stiegen wir in den leichten Gratklettersteig ein. Über ein paar B/C und C Stellen erreichen wir den ausgesetzten und schneebedeckten Gipfelgrat, der uns querend zum Gipfel leitete. 

Am Gipfelgrat kurz vor dem Gipfel der Westlichen Karwendelspitze

Nur kurz hielten wir uns dort auf, denn der starke Südwind mit den Graupelkörner machte es für uns ziemlich unangenehm. Wir drehten um und gingen auf dem gleichen Weg zurück. Wieder am Einstieg angekommen, schneite es nun satt. Wir packten unsere Sachen und gingen in unseren Spuren zurück zu unseren Rastbänken am Ende der steilen Schneeflanke. Ohne Zeit zu verlieren gingen wir in der zuvor angelegten Spur hinab in die Nordseite. Auf dem uns bekannten Weg eierten wir im Tiefschnee der Spur folgend hinab. Am Fuß der großen Schneeflanke zogen wir unsere Steigeisen aus und versuchten unser Glück bei der Hangquerung zurück zur Mittenwalder Hütte. Durch den aufgeweichten Schnee kamen wir ohne größere Probleme über die Altschnee- Neuschneefelder und erreichten doch ein wenig erschöpft die Mittenwalder Hütte. Hier genehmigten wir uns erst mal ein Kaltgetränk und eine Kaspressknödelsuppe. Richtig schön war es auf der Hütte. Zwar war das Wetter dürftig aber die Aussicht auf Alpspitze und Wettersteingebirge war gewaltig.

Die Aussicht von der Hüttenterrasse der Mittenwalder Hütte

Nachdem wir satt waren und unsere Ausrüstung wieder in Ordnung war, stiegen wir den Hüttenweg zurück zum Parkplatz.

 

Fazit: Bergsteigen bei Schönwetter kann jeder! Wir hatten ja im Vorhinein schon gewusst, dass das Wetter nicht der Brüller werden würde. Auch dass die Verhältnisse nicht gut sein werden. Aber das nahmen wir gerne für ein kleines Abenteuer in Kauf. Man wächst ja auch mit den Herausforderungen, die man überwindet. Und seien wir uns mal ehrlich, die Belohnung, das Bier und die Knödlsuppe auf der Hütte schmecken doch eh am besten, wenn man sie sich auch richtig verdient hat. Eine schöne Tour mit einem zwischenzeitlich nicht mehr geglaubten Gipfelerfolg.

 

In Summe kamen wir auf 1650 Höhenmeter, bei einer brutto Auf- und Abstiegszeit von 08:00h. Danke an Peter fürs mitgehen und mit quälen.

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