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Estergebirge Überschreitung

 

Datum: 20.06.2021

Teilnehmer: Solo                          

Gipfel:

Hoher Fricken 1940m

Bischof 2033m

Krottenkopf 2086m

Oberer Rißkopf 2049m

Hohe Kisten 1922m

 

Wetter:  beim Aufstieg zum Hohen Fricken wolkig und diesig; Dann große Wolkenfetzen von Westen, kaum Sicht, erst ab Weilheimer Hütte Auflockerung und zeitweise sonnig, angenehme Temperaturen am Berg, Am Radweg von Eschenlohe nach Farchant 28 Grad.

Schwierigkeiten: eine Stelle UIAA I am Zustieg zum Hohen Fricken über Kuhfluchtfälle, 2100Hm, 38 Km

Bedingungen: trockener Fels, nur im Bereich der Weilheimer Hütte kurze und flache Schneefelder

 

Strecke: Parkplatz Nr.2 Kuhfluchtfälle – Kuhfluchtfälle – Hoher Fricken 1940m – Bischof 2033m – Weilheimer Hütte 1946m – Krottenkopf 2086m – Weilheimer Hütte 1946m - Oberer Rißkopf 2049m – Hohe Kisten 1922m – Abstieg übers Pustertal und Forststraße – Parkplatz Hohe Kisten - Eschenlohe – Loisach Radweg – Oberau – Farchant – Parkplatz Nr.2 Kuhfluchtfälle

 

Ausrüstung: Wander bzw. Laufausrüstung

Es ist mal wieder Zeit für eine Solo Tour. Nachdem meine Tourenpartner entweder verletzt sind oder keine Zeit haben, will ich das passende Wetter nicht verstreichen lassen und wieder mal eine Tour allein angehen. Eigentlich genieße ich solche Touren, weil man Tempo und Gehweise selbst bestimmen kann aber wie so oft im Leben hat alles seine Vor- und Nachteile.

 

Nach meiner Solo Überschreitung des Nuaracher Höhenwegs im Vorjahr und der Hochstaufen Überschreitung 2019, kann ich heuer wieder so eine gewaltige Überschreitung laufend realisieren. Zwar ist die Estergebirgs-Überschreitung nördlich von Garmisch-Partenkirchen von den zu erwartenden Kletterschwierigkeiten erheblich leichter, quasi nur eine ausgedehnte Wanderung, aber konditionell gesehen, so wie ich mir das ausgedacht habe, um einiges härter.

Ich wollte eine „By Fair Means Tour“, also ohne Unterstützung von Rad oder Auto. Geplant habe ich die heutige Tour ausgehend vom Kuhfluchtfall-Parkplatz, über sämtliche Gipfel des Gebirgskamms, den anschließenden Abstieg über das Pustertal, mit finalen Lauf von Eschenlohe zurück zum Ausgangspunkt nach Farchant. Zugegeben, ein strammes Programm, aber ich denke machbar. Zum anderen ist diese Tour für mich ein kleiner Fitnesstest, wo und was ich für die kommende Hochtourensaison noch verbessern muss.

Ich startete um halb Sieben am Parkplatz der Kuhfluchtfälle. Ein Parkplatz, so wie man es sich nur wünschen kann. Mit Toiletten Häuschen und einer vergleichbar günstigen Tagesrate von fünf Euro. Über einen geschotterten Weg wandere ich erst durch einen kleinen Wald mit Naturlehrpfad. 

Die Kuhfluchtfälle

Nach kurzer Zeit erreiche ich den steilen Königsweg, der mich direkt, erst über eine Brücke, dann immer steiler werdend zu den Kuhfluchtfällen führt. Über steile Serpentinen kann ich immer wieder Blicke auf das in Stufen runterfallende Wasser werfen. Richtig schön ist es hier, aber zum langen Verweilen ist mein Tagesprogramm zu lang. Über Wurzeln und meist festes Gestein leitet mich der steile Weg auf ein mit Latschen bewachsenes, kleinen Plateau hinauf. Hier mache ich kurz Rast und genieße die bisschen eingetrübte und diesige Aussicht. Man kann nicht alles haben, denke ich mir und habe trotzdem ein schönes Panorama. Vom Wank ganz links über Alp- und Zugspitze, den Kramer und Ettal mit Ettaler Mandl ist alles schön zu sehen.

Kurz vorm Gipfel auf dem Plateau. Der Wank in der Mitte und im Hintergrund Gaif- und Blassengrat mit Alpspitze

Von dem Plateau aus kann ich ein wenig über mir auch das Gipfelkreuz meines ersten Gipfels für heute sehen. Der Hohe Fricken. Schon kurze Zeit später, nach 01:26h, stehe ich unter dem massigem Kreuz und überlege, wie lange das Wetter noch herhält. Eigentlich sagten meine drei Wetterexperten vom ZAMG, Meteo Blue und Alpenverein eine Gewittergefahr erst für Nachmittag voraus, aber momentan sieht es eher so aus, als stände das Wetter gerade auf der Kippe. Dunkle Nebelschwaden zogen von Westen heran und ich wusste echt nicht ob ich weitergehen oder auf dem gleichen Weg wieder ins Tal marschieren sollte. Ich wägte kurz ab, sagte mir dann, das ich den Bischof noch machen kann und ich ja dann immer noch abbrechen kann. Mit der bewährten rollenden Planung machte ich mich im Laufschritt Richtung Nordosten auf. Als ich dann im Sattel zwischen Fricken und Bischof war, frischte der Wind richtig auf. Also wieder ein Anzeichen mehr, dass das Wetter nicht mehr mitspielen wollte. Aber noch dachte ich, dass es noch vertretbar wäre.

Am Fricken Gipfel

Über einen kleinen erdigen, steinigen Pfad, der zwischen großen Latschen eine Rücken hinaufführte, erreiche ich kurze Zeit später im Laufschritt den Gipfel des Bischofs auf 2033 Meter. Mittlerweile war ich in einer gespenstischen Wettersituation. Große Nebelfetzen wurden von Nordwesten herbei geweht, die Temperatur wurde spürbar kälter und Sicht war keine zehn Meter mehr.

 

So, was ist jetzt zu tun. Eigentlich war ja der Plan, dass ich über die unmarkierte Nordwestflanke direkt in den Sattel absteige, aber mit der wenigen Sicht in unbekanntem Terrain und einen schwer zu findenden Weg, war das für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Ich zog einen Riegel aus dem Rucksack und trank einen Schluck Cola. Also dann umdrehen und zurück zum Sattel, dann hätte ich zumindest einen Weg, den Normalweg zur Weilheimer Hütte. 

Am Gipfel des Bischof im White Out.

So hätte ich wenigstens, sollte das Wetter doch noch weiter mitspielen, eine sichere Möglichkeit meine Tour fortzusetzen. Am Sattel angekommen, war die Sicht wieder da. Der Nebel hüllt den Bischof Gipfel regelrecht ein aber hier, etwa hundert Höhenmeter unterhalb war die Sicht soweit hergestellt das ich mich orientieren kann. Ich wende mich nach rechts und passiere den Bischof auf der westlichen Seite. Über alpines Gehgelände gewinne ich kurze Zeit später, mit ein paar Höhenmeter zusätzlich den Sattel, den ich eigentlich über Direktabstieg vom Bischof erreichen wollte. Hier steht ein kleines Kreuz. Ich wende mich wieder nach Norden und laufe in der Ostflanke des Hennenecks zum nächsten Zwischenziel, zur Weilheimer Hütte.

 

Die Hütte sehe ich aber erst 50 Meter vor mir. Von den beiden Gipfel im Hüttenbereich, dem Oberen Rißkopf und den Krottenkopf ist nichts zu sehen. Nur ansatzweise kann man den Wanderweg im Nebel eines Hanges verschwinden sehen. Ich checke kurz die Karte, folge dann dem ausgetretenen Weg und steige zwischen Schuastanagerl, Alpenglöckchen, Silberwurz und Leimkraut auf den Aussichtsgipfel ohne Aussicht. Man, wäre das wunderbar mit all den Bergblumen im strahlenden Sonnenschein. Nur kurz halte ich mich am Gipfel. Ich wende mich gen Tal und steige den gleichen Weg zurück. Auf dem Weg zurück zur Hütte lichtet sich von einen auf den anderen Augenblick der Nebel und ich kann mich orientieren, halte den Aufstiegsweg zum Oberen Risskopf und den Weiterweg gedanklich fest, ehe der Nebel wieder alles verschluckt.

Nur kurz gab mir der Nebel die Chance das Gebiet um die Hütte zu sehen, Hier beim Abstieg vom Krottenkopf.

Über ein angetautes Schneefeld und einen leicht erkennbaren Pfad jogge ich die hundert Höhenmeter auf der anderen Seite der Hütte auf den Oberen Rißkopf. Völlig außer Atem stehe ich unter dem verhältnismäßig schlichten Kreuz. Hier gönne ich mir wieder mal einen Schluck Cola und beruhige meine nach Luft schreienden Lungen. Viel zu wenig Flüssigkeit hatte ich bisher zu mir genommen. Aber der Pacemaker im Rücken, das Schlechtwetter, hatte mich bisher abgelenkt.

 

Vom Gipfel nehme ich einen direkten Weg, am Nördlichen Grat entlang zum weiter hinten erkennbaren Wanderweg. Über die tiefen Löcher der Kühe, die im Sommer hier weiden, komme ich nur schlecht voran. Immer wieder querend versuche ich den tiefsten auszuweichen. Endlich am Wanderweg stellen sich nur noch zwei kleinere Altschneefelder in den Weg. Jetzt, je weiter ich nach Norden komme, umso freundlicher wird das Wetter. 

Blütenpracht (Alpenaurikel) kurz unterhalb des Oberen Rißkopf Gipfels.

Über einen gut zu laufenden, einen Almkessel querenden Wanderweg scheint auf einmal, ohne Voranmeldung die Sonne auf mich. Sofort wird es drückend schwül. Man kann nur erahnen, wie die Sonne hier im Sommer reinsticht. Über einige Felsrippen erreiche ich den steilen Zustiegsweg zu meinem letzten Gipfel, der Hohen Kisten. Dieser ist dann doch etwas mühsamer, den mittlerweile habe ich gut 2000 Höhenmeter in den Beinen. Aber das nahe Ziel mit dem schönen Kreuz ist dann doch bald erreicht. Ich checke kurz das Wetter, anscheinend habe ich das schlechte Wetter abgehängt. Die Gipfel bei der Weilheimer Hütte und jenseits davon hüllen sich in Nebel. Hier bei mir ist angenehmer Sonnenschein mit einer leichten, kühlenden Brise. Ende gut alles gut. Jetzt muss ich nur noch ins Tal kommen und dann steht der gefürchtetste Teil meiner Tour an. Der flache Lauf entlang der Loisach zurück nach Farchant. Aber Schritt für Schritt.

Aussicht vom Gipfel der Hohen Kisten. Von links der Krottenkopf, in der Senke über den Schneefeldern die Weilheimer Hütte und rechts der Obere Rißkopf, dahinter das schlechte Wetter

Ich verließ den Gipfel der Hohen Kisten und erreiche kurze Zeit später wieder den Weg von dort ich meinen Gipfelanstieg gestartet hatte. Ich wende mich nach links und laufe zu der Scharte, ein kleines Gatterl, über das ich in das Pustertal absteigen kann. Erst recht steil, dann unangenehm schottrig und rutschig steige ich entlang eines kleinen Rinnsals, wo ich meine Wasserreserven auffüllen kann ab. An der Pustertaler Jagdhütte angekommen, die übrigens auf einer wunderschönen Wiese steht und gerade renoviert wird, nahm ich einen kleinen Steig in einen Wald mit uralten Bäumen. Man kann gar nicht erahnen wie alt die riesigen Bäume sein müssen. 

unterhalb des Gatterls nach dem steilen Gelände

An einer Weggabelung sah ich eher zufällig, einen Schilderbaum versteckt hinter einem Busch, der mir zwei Möglichkeiten bot ins Tal nach Eschenlohe zu kommen. Entweder über den Hahnbichlsteig oder eben über die Forststraße. Da ich aber doch die gut 2000 Höhenmeter gut merkte und mir noch der Abschlußlauf nach Farchant bevorstand, wählte ich die einfachere Variante.

 

Über einen kleinen Steig erreichte ich kurze Zeit später die Forststraße, die zum Laufen ein gute Neigung hatte. Es zog sich echt. Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich mal wieder eines der wenigen, für meinen Geschmack zu wenigen Schilder, das mir 4,5 Kilometer nach Eschenlohe anzeigte. Etwas deprimiert lief ich weiter. Am Parkplatz der Hohen Kiste angekommen checkte ich Google Maps nach den Zustieg zum Radweg entlang der Loisach. Google zeigte mir 12,6 Kilometer nach Farchant. Na großartig, das konnte ja wunderbar werden und das bei 28 Grad. 

In Eschenlohe angekommen, überquerte ich erst mal die Loisach. Direkt an der Brücke war ein kleines Café, hier wollte ich mir ein Weißbier genehmigen. Die Freude war riesengroß. Ich nahm meinen Rucksack runter und suchte nach dem Zehn Euro Schein aber fand ihn nicht, verloren! So eine Kacke! Anscheinend ist er mir bei meinen zahlreichen „Jacke an, Jacke aus Aktionen“ mit aus dem Rucksack gefallen. Dann muss es eben ohne erfrischendes Weißbier und Abkühlung weiter gehen. Ich nahm den Rucksack wieder auf und fing zu laufen an. Mit schweren Beinen gingen dem gewöhnlich automatisch funktionierenden Ablauf, wie ein Bein vor das andere setzen erheblich schwerer. Immer noch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch gingen die ersten Kilometer dann doch relativ gut. Mit einer 05:30er Pace fand ich einen zufriedenstellenden Rhythmus.

 

Je länger ich an der Loisach entlang lief, desto mehr gefiel mir der Gedanke, einfach alle Bedanken und Ziele über Bord zu werfen und einfach hinein zu springen. Aber ich besann mich darauf mein Vorhaben zu Ende zu bringen. In Oberau angekommen blieb ich an der Loisach und lief durch renaturierte Flussbereiche, die richtig schön anzusehen waren. Durch die flachen, sandigen und kiesigen Uferbereiche mäandert die Loisach ruhig und gleichmäßig. 

reinspringen oder nicht?

Die ungnädigen Sonnenstrahlen wurden nur einige Male durch Schatten der Bäume abgehalten, so dass ich die ganze Zeit in der prallen Sonne lief… Auf den letzten Kilometern wurde die Pace zwar immer langsamer, aber bald hat das Leiden ein Ende. Ich sah schon die ersten Häuser und kurze Zeit später war ich wieder am Parkplatz, nach 06:44 Minuten. Völlig am Ende.

Fazit: Was für ein Kraftakt! Besonders der abschließende Lauf entlang der Loisach wurde für mich zum Willenstest. Wenn man sich diese Tortur im Tal ersparen möchte, wäre es von Vorteil ein Rad am Hohe Kisten Parkplatz im Pustertal zu deponieren, um die schöne Radstrecke entlang der Loisach ein wenig entspannter zurück zum Ausgangspunkt zurücklegen zu können.

Ich freute mich, dass ich die Tour wie geplant zu Ende bringen konnte, denn es stand schon einige Male an der Kippe. Besonders das Wetter war im ersten Teil der Tour bis zu Weilheimer Hütte ziemlich kritisch. Aber mit Glück und meinem Bauchgefühl konnte ich weitermachen.

Der erste Teil der Tour bis zur Weilheimer Hütte ist geländetechnisch etwas anspruchsvoller als der Zweite von der Hütte zur Hohen Kisten. Aber alles, bis auf eine Stelle UIAA I am Zustiegsweg zum Hohen Fricken ist, ohne jegliches Kletterkönnen zu bewältigen.

Ich kam bei der Überschreitung von Parkplatz zum Parkplatz auf knapp 38 Kilometer mit 2127 Höhenmeter. Ich war zwar völlig am Ende, aber auf diese Tour kann man gut aufbauen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Markus Winklmeier (Montag, 21 Juni 2021 21:57)

    Tolle Tour und noch tollerer Bericht. Spannend geschrieben.
    Viele Grüße

    Winkl