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Nadelgrat – Von der Bordierhütte über den Nadelgrat zur Mischabelhütte - Walliser Alpen

 

Datum: 02.07.2023 – 04.07.2023

Teilnehmer: Till und Jakob

 

Gipfel:

Dirruhorn 4035m

Hobärghorn 4219m

Stecknadelhorn 4241m

Nadelhorn 4327m

Ulrichshorn 3924m

 

Wetter:  gutes Bergwetter, nachmittags Gewitterneigung

Schwierigkeiten: max. III, meist II / ZS

Schwierigkeiten aufgeschlüsselt:

Dirruhorn Nordgrat: UIAA III (ZS)

Hobärghorn Nordgrat: UIAA II (ZS-)

Stecknadelhorn: UIAA III (ZS)

Gendarm zwischen Stecknadelhorn und Nadelhorn: UIAA III – III+ / 1x 10m abseilen (ZS)

 

Bedingungen: Riedgletscher noch gut, Gletscherbruch kann zukünftig für Probleme sorgen; Selle in ausgezeichnetem Zustand, Trittschnee ohne Eis; Felsen trocken, ab und zu mit Schneeauflage, Firnpassagen am Grat sehr gut zu begehen.

 

Ausrüstung: 50m Seil, Gurt, 3 mittlere Friends, 2 Eisgeräte, Band- Prusikschlingen, Eisschrauben,

 

 

Strecke: Gasenried – Bordierhütte 2886m  - Anseilpunkt Gletscherbeginn 3200m – Selle Start 3495m - Selle oberes Ende 3860m – Dirruhorn Nordgrat - Dirruhorn 4035m – Dirrujoch 3911m - Hobärghorn Nordgrat - Hobärghorn 4219m – Hohbärgjoch 4144m - Stecknadelhorn 4241m - Nadelhorn 4327m – Nadelhorn Nordostgrat - Windjoch 3847m – Hohbalmgletscher – Mischabelhütte 3305m – Hohbalmgletscher – Windjoch 3847m – Ulrichshorn 3924m - Riedgletscher – Bordierhütte 2886m - Gasenried

Eine kleine Übersicht unserer Runde. Ohne jeglichen Maßstab.

Auf Messers Schneide. Im Hintergrund von links nach rechts. Stecknadelhorn, Nadelhorn und Lenzspitze.

Im letzten Familienurlaub habe ich in einem Souvenirladen eine Postkarte gesehen, auf welcher folgender Text zu lesen war: „Es gibt nix schöneres als was Schönes“. Irgendwie finde ich, dass diese paar Wörter das beschreiben, was ich in diesen Tagen im Wallis erleben durfte. Die Überschreitung Nadelgrats ist eine gewaltige Tour, ein Westalpen-Klassiker der Extraklasse, die nicht durch Ihre Schwierigkeit allein herausragt, doch aber durch die Komplexität der Anforderungen, die an den Alpinisten gestellt wird, der diese gehen will. Der richtige Zeitpunkt ist dabei von größter Bedeutung. Gute Bedingungen in der Selle, weitgehendst Schneefreie Felsen und natürlich gutes, stabiles Wetter sind Grundvoraussetzungen für dieses gewaltige Unternehmen. Das bei einer Monate voraus geplanten Tour, dies alles eintrifft, kann man schon als glücklich bezeichnen.

Es geht zu Bordierhütte...

 Vom Parkplatz in Gasenried steigen wir erst noch auf steiler Teerstraße nach oben, ehe wir die Straße in einen licht bewachsenen Lärchenwald verlassen. Steil geht es in engen Serpentinen hinauf. Die hochsommerlichen Temperaturen lassen uns mächtig schwitzen. Nur gut, dass wir immer mal wieder in Bach Nähe kommen, so dass wir uns ab und an mal etwas abkühlen können. Richtig idyllisch ist es hier. Das Rauschen des Bachs, vereinzelt Vogelgezwitscher, die unzähligen Bienen und Schmetterlinge und eine Landschaft zum Niederknien.

 

Als wir eine Schafalpe erreichen, wird das Gelände flacher. Wir wandern auf der orographisch linken Seite des Kars in Richtung Riedgletscher hinauf. Überall blüht und brummt es. Ein Blütenmeer aus Alpenrosen. Was für ein Anblick! 

 

Ein unglaublich schöner und abwechslungsreicher Hüttenanstieg.

Durch den klimabedingten Gletscherrückgang musste der obere Hüttenzustiegsweg, der bis zum letzten Jahr über Gletscherzunge des Riedgletscher führte, auf die orographisch rechte Talseite verlegt werden. Also überquerten wir auf einer Stahlbrücke den gewaltigen Abfluss des Riedgletschers und stiegen auf einen noch nicht hundertprozentig installierten und markierten Hüttenweg zu Hütte auf. Nach eine paar Verhauern im Blockgelände direkt unterhalb der Hütte, konnte wir auf 2886 Meter unser erstes Panaché genießen. Nach dem schönen und abwechslungsreichen Hüttenzustieg richteten wir uns erst einmal in unserem vierer Zimmer ein, ehe wir uns zum Abendessen unten in der Stube trafen. Hier besprachen wir auch nochmal den morgigen Ablauf. Frühstück gabs ab zwei Uhr. Früher stand ich, so glaubte ich nur noch bei der Tour zum Mont Blanc auf. Bei der Weckzeit wurde es in der Stube schnell leer. 

 

An der Bordier Hütte auf 2886m angekommen. Sogar die Steinböcke warten schon beim weißen Kreuz auf uns.

Früh morgens zur Selle...

Als um 1:50Uhr der Wecker brummte war ich sofort wach. Heute wird mein Tag. Ich freute mich so richtig, endlich hatte ich die Chance, diese Tour, von der ich so oft schon gelesen hatte, zu machen. Schnell war der am Vorabend gepackte Rucksack bereit und wir saßen am Frühstückstisch. Etwas verspätet, um 2:40 Uhr starteten wir als vorletzte Seilschaft der Hütte in die dunkle Nacht. Von Katzenaugen geleitet stolperten wir, in der relativ warmen Nacht, über Blockgelände in Richtung Riedgletscher hinauf.

Auf 3200 Meter stoppten wir und machten uns für den Gletscher bereit. Seil, Steigeisen, Pickel, alles ging automatisch. Till ging voraus, Jakob ging vor mir. Der Gletscher war anfangs noch recht flach und harmlos, doch schon kurze Zeit später stehen wir in einem gewaltigen Gletscherbruch, deren Ausmaße wir erst einen Tag später bei Tageslicht im Abstieg begreifen. Mit Glück und den vorauseilenden Stirnlampenträgern fanden wir gut durch den Bruch. Oben ging es flach auf dem Gletscherplateau in einem großen Rechtsbogen zum Fuß der Selle hinüber. Die ersten Stirnlampen waren von weitem schon im unteren Drittel der Selle zu erkennen. Wir hatten aber noch eine gute halbe Stunde bis zum Einstieg. Von hier aus schaute die Selle richtig, richtig steil aus. Respekteinflößend! 

Am Fuß der Selle angekommen dämmerte es bereits. Hinter uns begann es zu Glühen. Was ist das nur immer für ein schöner Moment, wenn man das Glück hat, im Hochgebirge einen Sonnenaufgang miterleben zu können. 

 

Impressionen vom Zustíeg zur Selle.

Ich stopfte schnell das Seil in den Rucksack, nahm meine Eisgeräte in die Hand und machte mich bereit für den Einstieg in die Schneerinne. Ein letztes abklatschen, dann ging es los! Als alle fertig waren, stieg ich voraus und versuchte den angenehmsten Weg für das untere, breitere Drittel der Selle zu finden. Auf dem fest gefrorenen Schnee konnte man relativ angenehm die etwa 40-45 Grad in Kehren aufsteigen. Als die Rinne sich zum einem schmalen Band, dass links und rechts von hohen Felswänden eingerahmt, verengte, wurde es auch sehr steil. Die im Führer angegebenen 55 Grad waren das schon sicherlich. Ich wechselte auf Schaftzugpickeltechnik und konnte so in den harten Schneerutschrinnen gut aufsteigen. Hand, Hand, Fuß, Fuß usw. hieß es dann für die nächste Zeit. Immer mal wieder musste ich warten, weil die ober mir steigenden Bergführerseilschaft Pause machte.

 

 

Beim Aufstieg in der Selle. 

Mir ging es super. Ich hatte keinerlei Höhenprobleme, mir war angenehm warm und bei der Aussicht, wenn ich mich umdrehte, fehlten einem die Worte. Im oberen Rinnendrittel begann es zu Tagen. Die ersten Sonnenstrahlen leuchteten über des Große Bigerhorn und erwärmten die Felsen um mich herum. Das war das Zeichen für mich, dass es wieder Zeit wird weiter zu klettern. Die über mir kletternde Seilschaft überholte ich kurzerhand, denn der dauernde Schneeriesel in meinen Nacken war zwar erfrischend aber auf die Dauer doch nervend. Die letzten zwanzig Meter wurde der Schnee tief und ich musste doch, auch wegen dem kleinen Überholvorgang vorher richtig schnaufen. Auf knapp 3900 Meter sei das schon mal erlaubt.

 

Am Ausstieg der Selle. Hier die überholte Seilschaft.

Über den Nadelgrat...

Oben ausgestiegen, suchte ich mir erst mal eine einigermaßen flache Stelle, die weniger ausgesetzt war als wo ich momentan stand. Doch ich fand im Umkreis von etwa 30 Meter nichts, also querte ich im Angesicht meines Traumbergs, dem Weißhorn in einer 40 Grad Flanke. Über mir beginnen die Felsen des Dirruhorn Nordgrats. Hier stand ich nun, es war zwar sehr windig und unbequem, aber ich hoffte die anderen würden bald aussteigen. So stand ich da im Angesicht von Matterhorn und Weißhorn und konnte mein Glück kaum fassen.

 

Aber langsam begann ich zu frösteln. Endlich sah ich Till. Wir beschlossen, dass wir in die Sonne auf den Grat aufsteigen und dort auf Jakob warten wollen. Im ausgesetzten oberen zweiten Grat lernten wir gleich mal eindrücklich kennen, was uns in den kommenden Stunden erwarten wird. Besonders der Schnee machte das ganze schwieriger als es eigentlich war.

 

Ein Bild für Götter von meinem Warteplatz am oberen Ende der Selle. Matterhorn und Weißhorn spielen die Hauptrolle.

Lange mussten wir nicht mehr warten bis Jakob bei uns war, so konnten wir uns gleich an den Aufstieg über den Nordgrat auf den niedrigsten der Nadelgratkette, dem Dirruhorn machen. Das frösteln ließ gleich nach. Mein Körper war anderweitig beschäftigt und hatte keine Zeit zum frösteln. Anspruchsvolles Gelände im meist festen Fels mit einigen Schneeeinlagen forderten mich. Aber ich gewöhnte mich schnell an das Klettern mit Steigeisen und an das ausgesetzte Gelände. Es lief tatsächlich wie am Schnürchen. Auch das sonst so unangenehme Klettern mit den Steigeisen war heute kein Problem. Nur die Schlüsselstelle des Nordgrats, eine drei bis vier Meter hohe glatte Plattenstelle auf eine kleine ausgesetzte Scharte rechts unter eines Gratturms forderte mich so richtig. Ich setzte einen Frontalzacken eines Steigeisens in eine Felsspalt und stieg so die im oberen Bereich griffarme Wandstelle hinauf. Oben angekommen kletterte ich gleich in die folgende Gratvertiefung hinunter, um den anderen Platz zum Aufsteigen und mich ein wenig verschnaufen zu lassen.

 

Nach der Schlüsselstelle wurde es wieder leichter. Genusskletterei par Excellence! Eine Freude diese Kletterei. Nach ein wir im oberen Nordgrat einige Schneestellen passiert hatten, konnten wir das erste Kreuz in die Hand nehmen. Wow, was für eine Aussicht am Gipfel. Neben den schon bereits erwähnten Matterhorn und Weißhorn, gesellten sich Lenzspitze und Dom im Süden hinzu. Außerdem konnten wir hier das erste Mal die Ausmaße dieses Nadelgrats ermessen. Puh, Da lag noch einiges vor uns. Wir waren alle gespannt, wie es weiter ging. 

 

Der Dirruhorn Nordgrat, Nach der Schlüsselstelle am Gendarmen.

Der Abstieg vom Dirruhorn war nicht schwer, aber teilweise recht brüchig. Lockeres Gestein in allen Größen war jederzeit bereit zum Runterfallen. Man musste höllisch aufpassen. Wir hatten richtig Glück als ein Wassermelonen großes Felsstück Tills Knie und Oberschenkel nur streifte und nicht voll traf. So schnell kann es vom größten Glück zum Hubschraubereinsatz kommen. Till kletterte den letzten Rest des Südgrats ins Dirrujoch ab und kontrollierte dann sein Bein. Zum Glück war es nur ein Streifschuss, er konnte weiter machen!

 

 

Kraxln, kraxln, kraxln...

Der Aufstieg zum Hobärghorn war richtiger Genuss. Firn, Schnee und Fels wechselten sich ab und wir kamen dementsprechend schnell voran. Wir überholten drei vor uns kletternde Seilschaften die viel am laufenden Seil kletterten und dadurch, trotz der effektiven Fortbewegungsweise, mehr Zeit brauchten als wir. Am Gipfel hielten wir uns nicht lange, denn wir wollten nicht in das Seilgewirr der anderen Seilschaften geraten, so machten wir uns nach einer kleinen Trinkpause auf den Weg zum Hohbärgjoch. Über Firn erreichten wir das Joch sehr schnell. Hier machten wir aber eine kleine Riegelpause. Die Aussicht ist hier schon super. Die Dom Nordflanke liegt direkt vor uns. Wir können einige Bergsteiger auf dem Normalweg zum höchsten Schweizer ausmachen. Am Festigrat sieht man aber dagegen keine Spur. 

 

 

Noch ein weiter Weg...Hohbärghorn, Stecknadlhorn und links hinten das Nadelhorn. Rechts schaut die Nordflanke vom Dom hervor.

Wir überlegen kurz, ob wir bei dem folgenden, doch Respekt einflößenden Felsaufschwung zum Stecknadelhorn das Seil vorbereiten sollten, aber wir entschieden uns dagegen, denn es ging höhenmäßig jedem gut und jeder kam mit den geforderten Schwierigkeiten gut zurecht. Also stiegen wir Richtung dritten Gipfel, dem Stecknadelhorn an. Über teilweise recht ausgesetzte Stellen kletterten wir meist direkt auf der Gratkante, oft aber auch rechts davon, in der Flanke, in Genusskletterei auf den steilen Zahn. Der Abstieg gestaltete sich recht angenehm. Auf einer guten Spur im Firn alla Biancograt erreichten wir den Gendarmen zwischen Stecknadelhorn und Nadelhorn. Jetzt lag es an uns, den für uns passenden Weg zu finden. Entweder wir steigen in die südliche Flanke ein und umgehen den Gendarmen oder wir überklettern den Gendarmen im dritten Grad. Wir entschieden uns, nachdem der vor uns gehende Bergführer auch den Gendarmen anging für Variante zwei.

 

Am Hohbärgjoch mit Blick auf den felsigen Anstieg zum Stecknadelhorn links, der mittlerer Zacken ist das Nadelhorn und der hintere Zacken ist die Lenzspitze.

Wir gingen den Gendarmen ziemlich direkt über die Kante an, wechselten dann aber recht schnell nach rechts um dann von rechts in einigen Metern extrem ausgesetzten dreier Stellen, den höchsten Punkt zu erreichen. Puh, dass war für mich psychisch als auch physisch die schwerste Stelle im Fels am gesamten Tag. Oben angekommen, standen schon einige Seilschaften vor der Abseilstelle. Da wir von unseren Standpunkt die Steilheit und die Felsbeschaffenheit nicht beurteilen konnten, richteten wir unser Seil auch fürs Abseilen her. Gefühlt Stundenlang mussten wir warten, bis die Herrschaften vor uns die Seile einhängten und in die Tiefe verschwanden. Als wir endlich an der Reihe waren, konnten wir das Gelände erkennen. Es war zwar schon so, dass man abklettern hätte können, aber Abseilen war da doch wesentlich angenehmer. 

 

Kurz unterhalb des Stecknadelhorn Gipfels. Ausgesetzte Kletterei im zweiten und dritten Grad.

Unten im Schnee angekommen stopften wir das Seil in den Rucksack und Querten zum Einstieg in den Nordostgrat des Nadelhorns, unserem letzten Gipfel des Nadelgrats. In einfacher, aber schneereicher Kletterei stiegen wir auf den höchsten Gipfel des Nadelgrats. Ich stand hier bereits schon mal vor ein paar Jahren als wir über den Nadelhorn Normalweg aufgestiegen waren.

Ich stieg schnell, nachdem ich ein paar Fotos gemacht habe, wieder ab, denn der Gipfel ist klein und ich wollte keinem die Aussicht vorenthalten. Etwa 50 Höhenmeter unterhalb auf einem Felsband wartete ich dann auf einem Stein sitzend und die Aussicht genießend auf die drei anderen. Hier kam ich ins Grübeln…

 

Was für ein Tag. Was für eine Tour! Was für eine Umgebung! Was für eine Herangehensweise! Die Akklimatisationstour aufs Bigerhorn beziehungsweise Balfrin haben wir auf Grund einer nicht passenden Wetterprognose fallen gelassen. Wir stellten unsere Planungen um, denn wir dachten, es ginge auch so. Wir hatten recht! So ist genau die Art, wie ich hohe Berge angehen will, auf meine Art des Bergsteigens…schnell, effizient, ohne lange Akklimatisation, einfach machen. Ich fing zu grinsen an. Meine Art! 

 

Ein Rückblick auf die gekletterte Strecke vom Gendarmen kurz vor dem Nadelhorn. Der wunderschöne Firngrat der vom Stecknadelhorn herunterzieht, links dahinter das Hohbärghorn und rechts dahinter das Dirruhorn. Im Vordergrund (Spur) geht nach rechts unten die Gendarmen Umgehung zum Nadelhorn Nordostgrat weg.

Runter ins Windjoch...

Die freudigen Rufen und das Gelächter meiner drei Mitstreiter rief mich aus meinen Gedanken. Wir klatschten nochmal ab und machten uns auf dem Weg zur Mischabelhütte. Wir stapften den Nordostgrat des Nadelhorns Richtung Windjoch ab. Unten angekommen machten wir auf der südseitigen Seite des Windjochs nochmal eine Trinkpause, ehe wir den raschen, aber steilen Schneematschabstieg zur Mischabelhütte antraten. Dort kamen wir genau 12 Stunden nachdem wir die Bordierhütte verlassen hatten, an. Jetzt war wieder Panaché Zeit. Was für ein Genuss. Quasi der Genuss nach dem Genuss!

 

Nachdem der ganze Druck abgefallen war, merkte ich erst dass es meinen Füßen, oder besser meinen Fersen überhaupt nicht gepasst hatte, die letzten 12 Stunden in den Steigeisen zu stecken. Riesige, offene und blutende Blasen, aufgeschürfte Stellen verklebten meine Tourensocken. Jetzt erkannte ich auch so richtig in welcher Lage ich mich befand. Wenn ich wegen den Fersen nicht die morgige Tour auf die Lenzspitze machen konnte, musste ich entweder den beschwerlichen Abstieg nach Saas Fee antreten oder eine Seilschaft finden, mit der ich morgen die 600 Höhenmeter zur Bordierhütte zurück hatschen kann. Ich wusste nicht recht, was ich machen sollte. 

 

Ein Bild vom Windjoch mit gewaltigem Wolkenspiel. Da ist Spannung in der Atmosphäre.

Ich versorgte noch meine Ausrüstung und ging dann in den Schlafraum für einen Powerbreak. Schlafen konnte ich jedoch nicht, denn ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Die Lenzspitze Nordwand, unser Plan für morgen, hatte perfekte Bedingungen, aber genau da beim Aufstieg mit Steigeisen kam jede Menge Belastung auf meine Fersen. Das ging nicht, absteigen wollte ich auch nicht, also checkte ich die Hüttencrew, ob es morgen eine Seilschaft gibt, die rüber zur Bordierhütte geht und der ich mich anschließen kann.

 

Glücklicherweise machte die Hüttentour ein französischer Bergführer mit Gast, da der Gast nach der heutigen Nadelgrat-Tour, die Kondition nicht mehr für die Lenzspitze morgen hat. Das wäre meine Möglichkeit zurück zur Bordierhütte und zum Parkplatz in Gasenried zu kommen. 

 

Ein Sonnenaufgang am Ulrichshorn. Lenzspitze, Nadelhorn und der Nadelgrat. Magisch!

Ein schmerzhafter Weg zurück...

Schweren Herzens sagte ich den beiden Franzosen zu, weil mit meinen Fersen kein weiterer langer Steigeisentag mehr geht. Ich teilte meine Entscheidung morgen, nicht mit zur Lenzspitze zu kommen, Till und Jakob mit. Beide bedauerten meine Entscheidung aber verstanden sie. Wir vereinbarten, dass wir uns auf der Bordierhütte treffen würden. Ich werde auf sie warten.

 

Während sie um 2:00Uhr starteten, begann für mich der Tag mit dem Frühstück um 3:30Uhr. Ohne Stress ging ich mit den beiden Franzosen Richtung Windjoch und Ulrichshorn. Am Sonnenaufgang standen wir auf dem Gipfel des Ulrichshorn. Ich konnte die Stimmung nur schwer genießen, den die Fersen sagten mir bei jedem Schritt, dass es die richtige Entscheidung war, nicht die Lenzspitze anzugehen. Beim folgenden Abstieg ging es besser zum Gehen, da ich mit den Füßen mehr nach vorne rutschte und weniger Kontakt mit den Fersen hatte. Schnell waren wir am Eisbruch, den wir dank einer guten Spur gut passieren konnten. Auf gut 3200 Meter zogen wir die Gletscherausrüstung und die Steigeisen aus und bummelten zurück zur Hütte. Dort verabschiedete ich mich, nachdem ich mich bei Ihnen mit Kaffee bedankt hatte, von meinen beiden französischen Helfern. Jetzt wars an mir die Zeit totzuschlagen. Ich rechnete alle halbe Stunde mit, wo meine Kollegen jetzt gerade sein könnten. Ab und zu kam mal eine SMS von Till, die mich auf dem laufenden hielten. 

 

Der Riedgletscher Eisbruch im Abstieg , dahinter der Nadelgrat.

Irgendwann waren sie dann doch da. Die Freude war groß. Ich gratulierte Ihnen und freute mich mit Ihnen. Ist schon eine ziemliche Hausnummer, nach dem Nadelgrat, am Folgetag die Lenzspitze Nordwand zu machen. Großer Respekt an alle drei!

 

Nachdem sie sich ein wenig aufgefrischt und einen kleinen Snack gegessen hatten, starteten wir unseren 1300 Höhenmeter Abstieg nach Gasenried. Die drei mit den Strapazen von zwei anspruchsvollen Touren in den Beinen und ich mit meinen Feuerfersen. War bestimmt ein Bild für Götter. Aber irgendwann kommt jeder wieder ins Tal. Egal wie er humpelt oder stolpert. 

 

Ausgewählte Bilder vom Grat.

Fazit:

Was für eine Tour. Ein Klassiker der Westalpentouren! Ein große Bergfahrt, die den kompletten Alpinisten fordert. Trotz der sich in Grenzen haltenden technischen Schwierigkeiten muss der dritte Grat im alpinen, oft auch brüchigem Gelände sitzen. Lange Sicherungspassagen sind da nicht drin. Teilweise sehr brüchig aber oft im besten, rauen und griffigen Urgestein macht das Kraxeln richtig Spaß.

 

Wir sind alles Seilfrei geklettert, nur einmal am Gendarmen kurz vor dem Nadelhorn haben wir 1x 10 Meter abgeseilt. 

 

 

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